Alptraum für die Bückeburger Niederung: Alarmglocken schrillen

Die Veröffentlichung der fünf neuen Trassenvorschläge für den Ausbau der Bahnstrecke Minden-Hannover hat im Kreis Schaumburg Ernüchterung verursacht. Im Raum Bückeburg schrillen jetzt sogar wieder die Alarmglocken. Denn was eigentlich längst abgehakt war, ist nun wieder aktuell: Gleise durch die Bückeburger Niederung.

Bückeburg/Landkreis

Dass die Auftragsvergabe des Bundesverkehrsministerium über das umstrittene Bahnprojekt Hannover-Bielefeld aus Schaumburger Sicht wenig Erfreuliches enthalten würde, war erwartet worden. Dass aber die insgesamt fünf bekannt gewordenen Vorschlagsvarianten gleich mit der ersten eine faustdicke Überraschung bieten würden, dürfte aber auch Bahnfachleute die Sprache verschlagen haben. Denn Variante 1 ist nichts anderes als der Konzeptentwurf aus dem Bundesverkehrswegeplan vom Frühjahr 2016, der eigentlich mit der Veröffentlichung des ersten Gutachterentwurfs für den Deutschland-Takt vor zwei Jahren zu den Akten gelegt schien.

Tunnel durch den Jakobsberg

Der unter der etwas sperrigen Projektbezeichnung 2-016-V01 im März 2016 veröffentlichte Entwurf sah zum einen eine Umfahrung Wunstorfs, zum anderen eine Neubaustrecke von Stadthagen nach Porta Westfalica vor, die bei Seggebruch von der Bestandstrecke ausschwenken und dann zwischen Meinsen und Scheie hindurch Richtung Westen führen sollte, um sich bei Porta Westfalica wieder mit der Bestandsstrecke zu vereinen.

Erforderlich waren dafür zwei Tunnel, zum einen unter Evesen, zum zweiten durch den Jakobsberg. Insbesondere in Bückeburg und Porta Westfalica stieß das Vorhaben auf erhebliche Proteste, vor allem, weil eine Zerstörung des Naturschutzgebiets Bückeburger Niederung sowie der in den Stollen des Jakobsbergs befindlichen KZ-Gedenkstätte Porta befürchtet wurde.

Sie führten unter anderem zur Wiedergründung der Bürgerinitiative Bigtab sowie einer Vielzahl von Stellungnahmen gegen das Vorhaben während der Öffentlichkeitsbeteiligung für den Bundesverkehrswegeplan. Die Städte Bückeburg, Minden und Porta verabschiedeten eine gemeinsame Resolution, auch der Landkreis Schaumburg sprach sich entschieden gegen eine solche Neubau-Variante aus.

Acht Minuten Fahrzeit sollten damit eingespart werden – sie waren damals sfür den Deutschland-Takt als erforderlich erachtet worden. Das änderte sich jedoch fundamental mit der Veröffentlichung des ersten Gutachterentwurfs für den Zielfahrplan 2030plus im Oktober 2018, der mindestens 17 Minuten Fahrzeiteinsparung forderte und zudem zwei neue Fernverkehrslinien zeigte, die bereits bei Bielefeld von der Altstrecke abzweigen und dann nach Hannover führen. Damit schien die 2016er Neubautrasse mit ihren nur acht Minuten zu den Akten gelegt.

Auch DB-Projektleiter ist ratlos

Daran änderte sich auch nichts mit dem dritten und finalen Gutachterentwurf vom 30. Juni 2020. Im Gegenteil: Die dabei mitveröffentlichte recht detaillierte Projektbeschreibung ließ auch für Bahn-Fachmann Rainer Engel von der Initiative Deutschland-Takt nur einen Schluss zu: „Es ist unmissverständlich klar, dass die im Bundesverkehrswegeplan 2030 enthaltene Trasse ab Porta nicht Grundlage des Zielfahrplans ist.“

Warum nun genau diese Variante von Seiten des Bundesverkehrsministeriums wieder auf den Tisch gebracht wurde, obwohl sie doch eindeutig die Anforderungen des Deutschland-Takts geradezu meilenweit verfehlt, darauf wusste selbst Carsten-Alexander Müller, zukünftiger Projektleiter der DB Netz AG für das Projekt Hannover-Bielefeld, auf Nachfrage unserer Zeitung keine Antwort.

Wie von einem Eimer kaltem Wasser übergossen fühlt sich Bigtab-Sprecher Thomas Rippke nach Bekanntwerden der fünf Entwürfe. Für ihn sei „das schlimmstmögliche Szenario“ eingetreten, nicht nur dadurch, dass der von der Region so vehement befürwortete trassennahe Ausbau der Bestandsstrecke nun auch ganz offiziell gar nicht mehr in Erwägung gezogen werde. Für Schaumburg und das angrenzende Ostwestfalen seien die fünf Varianten „der größte Alptraum“ der sich denken lasse: „Keine Region ist so extrem betroffen wie unsere.“

Verein pocht auf trassennahen Ausbau

Beim Förderverein Bückeburger Niederung lässt erwartungsgemäß vor allem die Variante 1 und damit die Rückkehr der Neubaustrecke nördlich von Bückeburg alle Alarmglocken schrillen. „Wir sind einfach nur entsetzt“, äußerte der zweite Vorsitzende Fritz Deventer. „Für uns bleibt es dabei, dass nur und ausschließlich der trassenahe Ausbau in Frage kommt.“ In Porta Westfalica dürfte nun wieder die Diskussion um eine mögliche Bedrohung der KZ-Gedenkstätte des Jakobsbergs beginnen.

Aber auch die Einwohner von Achum, Tallensen-Echtorf und Seggebruch sollten aufmerksam werden. Denn dort sah der Konzeptentwurf aus dem Bundesverkehrswegeplan für das Ausschwenken der Neubaustrecke ein mehrere Hundert Meter langes Brückenbauwerk für eine sogenannte Überwerfung vor – mit einer Wirkzone bis hinein in den Ortskern von Seggebruch.

Quelle: Schaumburger Nachrichten Autor: Johannes Pietsch vom 01.01.2020

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